Hannes Neuhold

Auf ein erstes Hinsehen vermeint der Betrachter in den Landschaften von Hannes Neuhold eine Nähe zum Informel, zur nicht gegenständlichen Malerei zu erkennen. Dann aber wird diese vorschnelle Vermutung korrigiert durch die Einsicht in die spezifische Arbeitsweise einer sukzessiven und letztlich massiven Abstraktion vom realen Motiv. Selbstverständlich geht jede künstlerische Transformation zwingend mit Abstraktion einher. Die besondere Methode von Hannes Neuhold jedoch ist die Auseinandersetzung mit der wirklichen Landschaft vor Ort, die er als Erinnerung in sein Atelier bringt, um sie in einem weiteren Schritt, in stark gestischer Manier, auf den Bildträger zu übersetzen. Als Ergebnis dieses Prozesses entstehen individualisierte und expressive Bilder, die als formale Neugestaltung des Motivs gelesen werden können und denen ein fiktiver Charakter anhaftet. Der Künstler wird so zum Autor von Kopflandschaften, die in Verbindung mit Bildtiteln wie Havanna oder Schwarze Berge nun nicht mehr für den konkreten Ort stehen, sondern jeweils für ein Pars pro toto: Das ist Hannes Neuholds Havanna, das sind Hannes Neuholds Schwarze Berge.

 

Vielen dieser Landschaften werden grafische Elemente eingefügt, etwa als   Ritzungen wie in Bergfeuer oder als Kreidekontur wie in Blue Moon, die menschliche Figuren nur andeuten und in ihrer Unbestimmtheit weiten Raum zur Interpretation gestatten. Diese schemenhaften Zeichnungen lassen an Erzählungen und Mythen denken, die mit der Geschichte dieser Landschaften und ihren Bewohnern in Verbindung stehen, durch die sich – wie in allen Mythologismen – der Mensch ihm unerklärliche Vorgänge der Wirklichkeit als Erklärungsversuche aneignet. Gleichwohl bleiben Neuholds Figuren vage, als müssten sie erst vom Betrachter und nicht vom Künstler erinnert oder erdacht werden. Spannung entsteht in diesen Bildern durch den kräftigen, opaken und zumeist dunklen Hintergrund, vor dem die grafischen Elemente zu schweben scheinen.

 

Vielleicht ist Leonardo da Vincis Beschreibung des Kunstwerks, als Ausdruck der Seele des Künstlers, in ihrem Pathos am Beispiel der Arbeiten Hannes Neuholds zu hoch gegriffen; eine Entäußerung durch geistige und körperliche Aktion lässt sich aber deutlich nachvollziehen. Der kräftige und sichere Strich der Grafiken, der schnelle starke Auftrag des Pinsels entspricht jedenfalls der physischen Erscheinung Hannes Neuholds. Inzwischen, erzählt er, bevorzugt er an Stelle von Leinwand den massiven und widerstandsfähigen Malgrund von Hartfaserplatten, die er seinen Pinselhieben aussetzt.

 

Eine andere Seite Hannes Neuholds zeigt sich im empfindlichen und dem Thema akkommodierten Einsatz von Farbe und grafischer Struktur am Beispiel Grüner Akt. Eine zart modellierte, sitzende, wahrscheinlich weibliche Figur scheint wie hinter einem Schleier lasierenden Blaugrüns verborgen, als wollte ihr der Maler und als sollte ihr der Betrachter nicht zu nahe treten. In Bildern wie diesen spielt Respekt eine Rolle, den Hannes Neuhold dem Modell als Individuum erweist, indem er malerisch ein Geheimnis über die Figur der/s Anderen legt und, vergleichbar dem Umgang mit seinen Landschaften, eine Art stellvertretende für die menschliche Figur an sich auftreten lässt. Und auftreten lässt Neuhold ähnlich schemenhaft charakterisierte Figuren – weit entfernt davon, Personen darzustellen – in der Theaterszene. Man kann nicht umhin, aus den wenigen Andeutungen eines Bühnenaufbaues und den hier eigentlich nur durch ihre Binnenstruktur vergegenwärtigten Figuren Dramatis Personae zu lesen und die Szene als bewegten Teil einer Erzählung. Aber: Der Inhalt des Dramas muss unbestimmt bleiben und kann ebenso gut für alle Dramen der Welt stehen und so wird Neuholds Theaterszene zur Allegorie des Dramas.

Hannes Neuhold arbeitet aber auch mit in der Natur gewachsenen Strukturen und Materialien, die er auf Wanderungen findet. Ein solches Objet trouvè, vergleichbar den Fundobjekten der Surrealisten, wird zum Akt. Neuhold nimmt hier die anthropomorphe Gestalt einer Wurzel auf, denkt an Alraunen und widmet die Form um, indem er durch Farbauftrag einen Kopf andeutet. Dieser Akt erinnert aber auch an traditionelle Formen des Menschenbildes etwa der französischen Gotik, wenn nicht des Manierismus – als Figura serpentinata –, und entstammt ebenso Neuholds Wissen um Phänomene der Kunstgeschichte. Ähnlich sein Umgang mit den Strukturen der Maserung in einem Schalbrett, die Neuhold durch Farbgebung hervorhebt und die schließlich wie ein Vera Ikon anmuten.

 

 

Insgesamt haftet dem bildnerischen Werk Hannes Neuholds etwas Unbestimmtes, Unfertiges an und das hat seinen guten Grund. Zum Einen wird der Betrachter so animiert, über die Bilder hinauszudenken und persönliche Interpretationen anzulegen, zum Anderen besteht ein bewusster Bezug zum Prinzip des Fragments. Alles Vollendete ist abgeschlossen, definiert, bedarf keines Gedankens mehr. Über die wichtigsten Werke der Kunstgeschichte aber wird weiterhin nachgedacht werden. Wie es auch einem Prinzip der Magie entspricht, werden hervorragende Kunstwerke immerfort besprochen. – Und nur so bleiben sie lebendig wie Musikinstrumente, die immerfort bespielt werden müssen, um ihren spezifischen Klang zu erhalten.

 Wenzel Mraček

 

Kontakt:

www.neuhold-art.at

e-mail: hannes@neuhold-art.at

 

 

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